Die Körpergröße deutscher Frauen von 1896 bis 1996

Körpergröße Frauen Deutschland 1896 - 1996

Daten zur Körpergröße

Teil 2: Die Entwicklung der Körpergröße deutscher Frauen der Geburtsjahrgänge 1896 bis 1996

Im Teil 1 habe ich anhand der Daten der NCD Risk Factor Collaboration (1)die Entwicklung der Körpergröße der deutschen Männer der Geburtsjahrgänge 1896 bis 1996 betrachtet.

Nun betrachte ich die entsprechende Entwicklung der Körpergröße deutscher Frauen. Der Verlauf der Durchschnittsgröße der Geburtsjahrgänge 1896 bis 1996 ist in Abbildung 1 dargestellt.

Körpergröße Frauen Deutschland 1896 - 1996
Abbildung 1: Durchschnittsgröße deutscher Frauen der Geburtsjahrgänge 1896 bis 1996

Ebenso wie die Männer sind auch die Frauen heute deutlich größer als vor hundert Jahren. Die Differenz zwischen dem Jahrgang 1896 (155,99 cm) und dem Jahrgang 1996 (165,86 cm) beträgt 9,87 Zentimeter. Bei den Männern betrug die Differenz 12,72 Zentimeter; die Männer sind also deutlich stärker gewachsen als die Frauen.

Während die Körpergröße der Männer über hundert Jahre hinweg von Jahr zu Jahr stieg, zeigt sich bei den Frauen ein anderes, äußerst bemerkenswertes Bild: Achtzig Jahre lang wurden die Frauen von Jahr zu Jahr größer, aber dann nahm die Durchschnittsgröße von Jahr zu Jahr ab (2). Letzteres ist ein verblüffendes Phänomen, von dem ich bislang noch nichts wusste.

Betrachtet man die jährliche Wachstumsrate (= Jahr X minus Vorjahr), dann wird das Bild noch differenzierter. Die Entwicklung der jährlichen Wachstumsrate ist in Abbildung 2 dargestellt.

Körpergröße deutscher Frauen 1896 bis 1996 - Wachstumsrate
Abbildung 2: Jährliche Wachstumsraten deutscher Frauen 1897 bis 1996

Abbildung 2 macht deutlich, was wir bereits aus Abbildung 1 ersehen konnten: Bis zum Jahrgang 1976 liegt die Wachstumsrate über der Nulllinie, das heißt: die deutschen Frauen sind von Jahr zu Jahr gewachsen – aber seitdem sind die deutschen Frauen kontinuierlich geschrumpft.

Die Wende beginnt jedoch nicht erst mit dem Jahrgang 1977. Von 1961 bis 1976 sind die Frauen zwar immer noch gewachsen, aber die Wachstumsrate ist von Jahr zu Jahr gesunken, bis schließlich der Jahrgang 1977 die Nulllinie unterschritt und die Frauen tatsächlich immer kleiner wurden.

Die Schrumpfung ist allerdings recht bescheiden. Vom Maximum des Jahrgangs 1976 (166,27 cm) bis zum Jahrgang 1996 (165,86 cm) sind es gerade mal 0,41 Zentimeter. Gleichwohl ist es äußerst bemerkenswert, dass auf eine achtzig Jahre lange Kette kontinuierlichen Wachstums eine zwanzig Jahre lange kontinuierliche Schrumpfung folgte. Dies kann auf gar keinen Fall durch einen Zufallsprozess erklärt werden.

Neben dem Schrumpfungsprozess ab Jahrgang 1977 und der bereits mit den 60er Jahrgängen einsetzenden Trendwende seien noch die beiden Weltkriegszeiten erwähnt.

Während des Ersten Weltkriegs ist die Wachstumsrate noch stark gestiegen und nach Kriegsende wurde das rasante Wachstum nur leicht gedämpft.

Von 1935 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wuchsen die Frauen weiterhin, aber die Wachstumsrate schwächte sich von Jahr zu Jahr stark ab, nur um danach bis zum Beginn der 60er Jahre ebenso stark wieder anzusteigen.

Ein Vergleich mit der entsprechenden Abbildung 2 aus Teil 1 zeigt, dass sich die beiden Weltkriege recht unterschiedlich auf die Entwicklung der Wachstumsraten von Männern und Frauen ausgewirkt haben.

Über Gründe für die bisher dargestellten Befunde will ich an dieser Stelle nicht spekulieren. Im → Teil 3 werde ich Männer und der Frauen gemeinsam betrachten und im → Teil 4 richte ich dann den Blick auf die Entwicklung der Körpergröße auf der ganzen Welt.


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Quellen und Anmerkungen

(1) NCD Risk Factor Collaboration (2016). A century of trends in adult human height. eLife 2016;5:e13410   DOI: 10.7554/eLife.13410

(2) Die Kontinuität – achtzig Jahre ohne Ausnahme steigend, zwanzig Jahre ohne Ausnahme fallend – ist wohl zum Teil auf die Glättung zurückzuführen. Das ändert aber nichts an dem grundlegenden Phänomen.

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Stichwörter:
Körpergröße, Akzeleration, Frauen, Deutschland, Wachstum, Biologie, Durchschnittsgröße, Größe

6 Kommentare zu „Die Körpergröße deutscher Frauen von 1896 bis 1996

  1. Das „Phänomen“ der Schrumpfung der deutschen Frauen ab Mitte der 70er Jahre hat natürlich auch etwas mit der Zuwanderung und Migration aus Ost- und Südeuropäischen Ländern zu tun.

    1. Die Migration hat zweifellos auch etwas zur Schrumpfung beigetragen, aber das ist nicht die alleinige Erklärung. Das Phänomen ist kein deutsches, sondern ein internationales. Überall in der Welt sind die Frauen kleiner geworden. Auch bei den Männern verlaufen die Veränderungen parallel.

  2. Für dieses Phänomen sind keine genetischen Ursachen verantwortlich, die dafür in Frage kommenden etwa 100 Genabschnitte sind bekannt. Ursächlich sind alleine die Umweltbedingungen, insbesondere die Ernährungsgewohnheiten. Seit Mitte der 1970er Jahre haben sich, besonders Frauen der veganen Ernährung zugewandt. Seriöse Studien geben den Anteil der weiblichen Veganer derzeit mit etwa 70 %, der weiblichen Gesamtbevölkerung an, der männliche wird mit etwa 30 % angegeben. Die Folgen sind grazieler Körperbau u. U. geringere Lebenserwartung. Dieser Sachverhalt und die zugehörigen Forschungsergebnisse wurden von Archäologen und Archäogenetikern schon bei Skeletten aus dem Neolitikum nachgewiesen.
    Quellen:
    1.) „Die Himmelsscheibe von Nebra“. Prof. Harald Meller u. Kai Michel, Propylän 2018, Seite 232.
    2.) „Die Reise unserer Gene“, Prof. Johannes Krause u. Thomas Trappe, Propylän 2019, Seite 249.
    3.) „Kulturwandel = Bevölkerungswechsel? Die Jungsteinzeit des Mittelelbe-Saale-Gebietes im
    Spiegel populationsdynnamischer Prozesse“. Guido Brand, Forschungsbericht des
    Landesmuseums für Vorgeschichte Halle, Band 9, 2017.

    1. Danke für den informativen Beitrag. Dazu ein paar Anmerkungen.

      1. Die Aussage „Für dieses Phänomen sind keine genetischen Ursachen verantwortlich, die dafür in Frage kommenden etwa 100 Genabschnitte sind bekannt. Ursächlich sind alleine die Umweltbedingungen.“ erscheint zunächst einmal irritierend. Es steht außer Zweifel, dass das Körperwachstum eine genetische Komponente hat – das wird durch die „100 Genabschnitte“ ja unmittelbar ausgesagt. Vor diesem Hintergrund klingt „Ursächlich sind alleine die Umweltbedingungen“ auf den ersten Blick absurd. Der vermeintliche Widerspruch wird aber aufgelöst, wenn man sich klarmacht, dass mit „dieses Phänomen“ nicht das Körperwachstum an sich gemeint ist, sondern die Veränderung über die Zeit. Dabei spielen die Umweltbedingungen zweifellos die überragende Rolle, weil sich die genetische Grundlage ja gar nicht so schnell verändern kann (in einer bestimmten Weise tut sie es aber doch; siehe Punkt 3 Migration).

      2. Dass eine vegane Ernährung alles andere als wachstumsfördernd ist, scheint evident, aber die Aussage, dass 70 Prozent der weiblichen Gesamtbevölkerung Veganer sein sollen, halte ich für maßlos übertrieben. Welche Studien sollen das belegen?

      3. Neben der Ernährung spielt selbstverständlich auch die Migration eine Rolle. Wenn Millionen Menschen aus Populationen einwandern, die kleiner sind als die Einheimischen, dann muss die mittlere Bevölkerungsgröße zwangsläufig sinken (dabei ist es unerheblich, ob die Populationsunterschiede eine genetische Basis haben). Sobald es eine substanzielle Migration gibt, bei der die Einwanderer in einer bestimmten Richtung von den Einheimischen abweichen, kann eine undifferenzierte Betrachtung stark in die Irre führen.

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