Von Mathematik, älteren Lehrerinnen und Migranten – Teil 4

Von Mathematik, älteren Lehrerinnen und Migranten

Teil 4: Die Sache mit den Migranten

Der IQB-Ländervergleich 2012 (1) hat gezeigt:

  • Die Mathematikleistungen in den ostdeutschen Flächenländern fallen sehr viel besser aus als im übrigen Deutschland (→ Teil 1; siehe unten, Tabelle 4.1, Spalte 2).
  • In den ostdeutschen Flächenländern ist der Frauenanteil in der Lehrerschaft sehr viel größer als in den anderen Bundesländern (→ Teil 2; siehe unten, Tabelle 4.1, Spalte 3).
  • Die Lehrer in den ostdeutschen Flächenländern sind sehr viel älter als im übrigen Bundesgebiet (→ Teil 3; siehe unten, Tabelle 4.1, Spalte 4).

In Tabelle 4.1 wird eine weitere Variable berücksichtigt, nämlich der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund, der in der letzten Spalte (%Migranten) dargestellt ist (2).

In einigen Bundesländern – insbesondere in Berlin, Bremen und Saarland – war der Anteil der fehlenden Werte so groß, dass die Daten nur mit Vorbehalt zu interpretieren sind. Für die folgenden Betrachtungen dürfte dies allerdings keine wesentliche Rolle spielen. Es sei ferner daran erinnert, dass die Untersuchung im Jahr 2012 stattfand und dass der Anteil der Migranten seither dramatisch nach oben geschnellt ist, so dass die Zahlen von damals eine Welt widerspiegeln, die unwiederbringlich verloren ist.


Lehrer
Mathe %Frauen 40+ %Migranten
Sachsen 536 73,1 97,0 9,9
Thüringen 521 80,7 98,2 7,7
Brandenburg 518 72,6 97,3 8,1
Bayern 517 38,2 55,1 24,5
Sachsen-Anhalt 513 82,1 100,0 6,8
Mecklenburg-Vorpommern 505 77,2 94,6 7,8
Rheinland-Pfalz 503 46,2 64,1 24,9
Schleswig-Holstein 502 45,7 68,8 17,0
Baden-Württemberg 500 29,3 70,7 28,7
Hessen 495 47,8 65,4 35,9
Niedersachsen 495 53,8 69,6 22,6
Hamburg 489 45,0 61,7 43,2
Saarland 489 36,0 61,8 20,3
Nordrhein-Westfalen 486 45,5 69,9 33,2
Berlin 479 53,8 85,3 36,7
Bremen 471 39,1 74,6 39,2
Deutschland 500 55,2 77,5 26,4
Tabelle 4.1: IQB Ländervergleich 2012. Leistungen in Mathematik; Anteil der Frauen an der Lehrerschaft; Anteil der mindestens 40-jährigen Lehrer; Migrantenquote.
Grün hervorgehoben: Ostdeutsche Flächenländer.


Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund betrug in der IQB-Studie von 2012 „nur“ 26,4 Prozent. (In der neuesten IQB-Studie von 2016 lag die Migrantenquote bei 34 Prozent, wobei die Kinder, die mit der Masseninvasion ab 2015 ins Land strömten, gar nicht berücksichtigt wurden.)

Die ostdeutschen Flächenländer hatten in dieser Hinsicht mit großem Abstand die günstigsten Bedingungen – hier betrug der Migrantenanteil 6,8 (Sachsen-Anhalt) bis 9,9 Prozent (Sachsen).

Im übrigen Bundesgebiet reichte die Migrantenquote von 17,0 (Schleswig-Holstein) bis 43,2 (Hamburg).

Über alle Bundesländer hinweg zeigt sich ein außerordentlich enger negativer Zusammenhang zwischen Mitgrantenquote und der Schulleistung in Mathematik.

  • Je höher der Migrantenanteil in einem Bundesland desto schlechter ist der Leistungsstand der Schüler.

Die Korrelation beträgt -0.78, etwas mehr als 60 Prozent der Varianz zwischen den Bundesländern wird durch die Migrantenquote aufgeklärt.

Somit zeichnen sich die ostdeutschen Flächenländer im Vergleich zu den übrigen Bundesländern durch folgende Merkmale aus:

  • Die Schulleistungen in Mathematik sind sehr viel besser.
  • Der Frauenanteil am Lehrkörper ist sehr viel höher.
  • Die Lehrer sind sehr viel älter.
  • Die Migrantenquote ist sehr viel kleiner.

In den weiteren Folgen ist zu klären, welche der drei Variablen – Geschlecht der Lehrer, Alter der Lehrer, Migrantenquote – sich ursächlich auf die Schülerleistung auswirken und welche Zusammenhänge lediglich Scheinkorrelationen darstellen.

Antworten gibt es im → Teil 5.

*

Quellen und Anmerkungen

(1) Hans Anand Pant, Petra Stanat, Ulrich Schroeders, Alexander Roppelt, Thilo Siegle, Claudia Pöhlmann (Hrsg.): IQB-Ländervergleich 2012 Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen am Ende der Sekundarstufe I. Münster: Waxmann Verlag GmbH, 2013.
Im Internet erhältlich unter https://www.iqb.hu-berlin.de/bt/lv2012/Bericht

***
Stichwörter:
Bildung, Mathematik, IQB, Bildungsstudie, Bundesland, Schulleistungen, 2012, Frauen, Lehrer, Lehrerinnen, Mathematiklehrerinnen, Geschlecht, Alter, Migranten, Migrationshintergrund, Migrantenquote

Advertisements

Von Mathematik, älteren Lehrerinnen und Migranten – Teil 3

Von Mathematik, älteren Lehrerinnen und Migranten

Teil 3: Die ältere, erfahrene Lehrerin

Der IQB-Ländervergleich 2012 (1) hat gezeigt:

  • Die Mathematikleistungen in den ostdeutschen Flächenländern fallen sehr viel besser aus als im übrigen Deutschland (→ Teil 1; siehe unten, Tabelle 3.1, Spalte 2).
  • In den ostdeutschen Flächenländern ist der Frauenanteil in der Lehrerschaft sehr viel größer als in den anderen Bundesländern (→ Teil 2; siehe unten, Tabelle 3.1, Spalte 3).
  • Folglich besteht eine hohe positive Korrelation zwischen dem Frauenanteil in der Lehrerschaft und den Mathematikleistungen der Schüler.

In Tabelle 3.1 wird eine weitere Variable berücksichtigt, nämlich das Alter der Lehrkräfte. Die letzte Spalte zeigt den prozentualen Anteil der Lehrer, die mindestens 40 Jahre alt sind.

Lehrer
Mathematik % Frauen 40+
Sachsen 536 73,1 97,0
Thüringen 521 80,7 98,2
Brandenburg 518 72,6 97,3
Bayern 517 38,2 55,1
Sachsen-Anhalt 513 82,1 100,0
Mecklenburg-Vorpommern 505 77,2 94,6
Rheinland-Pfalz 503 46,2 64,1
Schleswig-Holstein 502 45,7 68,8
Baden-Württemberg 500 29,3 70,7
Hessen 495 47,8 65,4
Niedersachsen 495 53,8 69,6
Hamburg 489 45,0 61,7
Saarland 489 36,0 61,8
Nordrhein-Westfalen 486 45,5 69,9
Berlin 479 53,8 85,3
Bremen 471 39,1 74,6
Deutschland 500 55,2 77,5
Tabelle 3.1: IQB Ländervergleich 2012. Leistungen in Mathematik und prozentualer Anteil der Frauen an der Lehrerschaft und prozentualer Anteil der mindestens 40-jährigen Lehrer.
Grün hervorgehoben: Ostdeutsche Flächenländer.


In Deutschland sind insgesamt 77,5 Prozent der Mathematiklehrer 40 Jahre oder älter.

In den ostdeutschen Flächenländern sind die Verhältnisse extrem: Hier gehören zwischen 94,6 (Mecklenburg-Vorpommern) und 100 Prozent (Sachsen) zur Altersgruppe 40+ (2).

Im restlichen Bundesgebiet reichen die Werte von 55,1 (Bayern) bis 85,3 Prozent (Berlin).

Damit ist die Lehrerschaft in den ostdeutschen Ländern sehr viel älter – und somit auch sehr viel erfahrener – als im übrigen Deutschland (3).

Da in Ostdeutschland mehr als dreimal so viele Frauen unterrichten wie Männer und da nahezu alle Lehrkräfte vierzig Jahre und (deutlich) älter sind, werden ostdeutsche Schüler vor allem von älteren, erfahrenen Lehrerinnen unterrichtet.

Im Vergleich zum restlichen Deutschland zeichnen sich die ostdeutschen Flächenländer – unter anderem! – durch drei Dinge aus:

  • der Anteil weiblicher Lehrkräfte ist sehr viel höher
  • die Lehrkräfte sind viel älter und damit auch viel erfahrener
  • die Schüler zeigen sehr viel bessere Leistungen.

Der politisch korrekte kulturdeterministische Bildungs“experte“ wird sich freuen, zeigt dies doch, dass der Schulerfolg vor allem auf die Lehrer – auf ihr Geschlecht, ihr Alter und ihre Erfahrung – zurückzuführen ist. Oder nicht?

Die nächste Folge wird dem kulturdeterministischen Bildungs“experten“ vermutlich weniger Freude bereiten, stellt sie doch die bisherigen allzu oberflächlichen Betrachtungen infrage → Teil 4.

*

Quellen und Anmerkungen

(1) Hans Anand Pant, Petra Stanat, Ulrich Schroeders, Alexander Roppelt, Thilo Siegle, Claudia Pöhlmann (Hrsg.): IQB-Ländervergleich 2012 Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen am Ende der Sekundarstufe I. Münster: Waxmann Verlag GmbH, 2013.
Im Internet erhältlich unter https://www.iqb.hu-berlin.de/bt/lv2012/Bericht

(2) Die Prozentangaben beziehen sich auf die Stichprobe, die an der IQB-Studie beteiligt war. In Sachsen gibt es sicherlich irgendwo auch eine Mathematiklehrkraft, die jünger als 40 Jahre ist.

(3) Worauf dieses eklatante Missverhältnis zurückzuführen ist, wird in einer späteren Folge verraten.

***
Stichwörter:
Bildung, Mathematik, IQB, Bildungsstudie, Bundesland, Schulleistungen, 2012, Frauen, Lehrer, Lehrerinnen, Mathematiklehrerinnen, Geschlecht, Alter

Von Mathematik, älteren Lehrerinnen und Migranten – Teil 2

Von Mathematik, älteren Lehrerinnen und Migranten

Teil 2: Die segensreiche Frauenquote

In dem groß angelegten IQB Ländervergleich 2012 (1) wurde das Leistungsniveau von mehr als 44.000 Schülern der 9. Jahrgangsklasse in den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften getestet. Im → Teil 1 haben wir gesehen: Im Fach Mathematik schnitten die ostdeutschen Flächenländer hervorragend ab und belegten die Rangplätze 1, 2, 3, 5 und 6.

Kulturdeterministische Bildungs“experten“ sind der Meinung, die Schülerleistungen hingen entscheidend von den Lehrern und den Schulen ab; dementsprechend werden in Bildungsstudien auch eine Reihe von Lehrermerkmalen erhoben.

Ein häufig diskutiertes Lehrermerkmal ist das Geschlecht. Spalte 3 der Tabelle 2.1 zeigt den prozentualen Anteil der Frauen unter den Mathematiklehrern.

>

Mathematik % Frauen
Sachsen 536 73,1
Thüringen 521 80,7
Brandenburg 518 72,6
Bayern 517 38,2
Sachsen-Anhalt 513 82,1
Mecklenburg-Vorpommern 505 77,2
Rheinland-Pfalz 503 46,2
Schleswig-Holstein 502 45,7
Baden-Württemberg 500 29,3
Hessen 495 47,8
Niedersachsen 495 53,8
Hamburg 489 45,0
Saarland 489 36,0
Nordrhein-Westfalen 486 45,5
Berlin 479 53,8
Bremen 471 39,1
Deutschland 500 55,2
Tabelle 2.1: IQB Ländervergleich 2012. Leistungen in Mathematik und prozentualer Anteil der Frauen an der Lehrerschaft.
Grün hervorgehoben: Ostdeutsche Flächenländer.


Bundesweit beträgt der Frauenanteil unter den Mathematiklehrkräften 55,2 Prozent.

In den ostdeutschen Flächenländern ist der Frauenanteil sehr viel höher: die niedrigste Frauenquote hat Brandenburg mit 72,6 Prozent, die höchste hat Sachsen-Anhalt mit 82,1 Prozent. Damit gibt es in den ostdeutschen Flächenländern mehr als dreimal so viele Mathematiklehrerinnen wie Mathematiklehrer.

In den übrigen Bundesländern liegt der Frauenanteil zwischen 29,3 Prozent (Baden-Württemberg) und 53,8 Prozent (Niedersachsen und Berlin). Hier sind insgesamt die männlichen Lehrkräfte deutlich in der Überzahl.

Über die sechzehn Bundesländer hinweg beträgt die Korrelation zwischen der Schülerleistung und der Lehrerinnenquote 0,60. Das heißt: Je größer die Frauenquote in der Lehrerschaft desto bessere Mathematikleistungen zeigen die Schüler.

Sechsunddreißig Prozent der Varianz zwischen den Bundesländern wird durch den Frauenanteil „erklärt“. Für kulturdeterministische Bildungs“experten“ ist dies ein äußerst erfreulicher Befund.

Wie der nächste Teil dieser Serie zeigt, gibt es für kulturdeterministische Bildungs“experten“ weiteren Grund zur Freude → Teil 3.

*

Quellen und Anmerkungen

(1) Hans Anand Pant, Petra Stanat, Ulrich Schroeders, Alexander Roppelt, Thilo Siegle, Claudia Pöhlmann (Hrsg.): IQB-Ländervergleich 2012 Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen am Ende der Sekundarstufe I. Münster: Waxmann Verlag GmbH, 2013.
Im Internet erhältlich unter https://www.iqb.hu-berlin.de/bt/lv2012/Bericht

***
Stichwörter:
Bildung, Mathematik, IQB, Bildungsstudie, Bundesland, Schulleistungen, 2012, Frauen, Frauenquote, Lehrer, Lehrerinnen, Mathematiklehrerinnen, Geschlecht

Geschlechtsdimorphismus in der Körpergröße 1896 bis 1996

Geschlechtsdimorphismus. Körpergröße Männer minus Frauen 1896 -1996

Daten zur Körpergröße

Teil 3: Die Entwicklung des Geschlechtsdimorphismus bei deutschen Männern und Frauen der Geburtsjahrgänge 1896 bis 1996

Anhand der Daten der NCD Risk Factor Collaboration (1) habe ich die Entwicklung der Körpergröße der Geburtsjahrgänge 1896 bis 1996 in Deutschland dargestellt; zunächst die → Männer und dann die → Frauen. Nun betrachte ich Männer und Frauen gemeinsam.

Geschlechtsunterschiede in der äußeren Erscheinung werden als Geschlechtsdimorphismus bezeichnet. Im aktuellen Beitrag geht es um die Entwicklung des Geschlechtsdimorphismus bezüglich der Körpergröße. Als Maß des Geschlechtsdimorphismus betrachte ich die Differenz Männer minus Frauen (2). Die Entwicklung dieser Differenz für die Geburtsjahrgänge 1896 bis 1996 ist in Abbildung 1 dargestellt.

Geschlechtsdimorphismus. Körpergröße Männer minus Frauen 1896 - 1996
Abbildung 1: Geschlechtsdimorphismus in Deutschland bei den Geburtsjahrgängen 1896 bis 1996

Beim Jahrgang 1896 betrug der Geschlechtsunterschied 11,16 Zentimeter, beim Jahrgang 1996 waren es hingegen 14,02 Zentimeter. Der Dimorphismus ist somit insgesamt um 2,86 Zentimeter zugunsten der Männer gewachsen.

In Abbildung 2 ist die jährliche Veränderung des Dimorphismus darstellt, also die Differenz Dimorphismus im Jahr X minus Dimorphismus im Vorjahr.

Jährliche Veränderung des Geschlechtsdimorphismus 1896 - 1996
Abbildung 2: Entwicklung des Geschlechtsdimorphismus 1897 bis 1996

Bis 1927 haben Männer und Frauen nahezu identische Größenzuwächse erzielt, die jährliche Veränderung des Dimorphismus betrug weniger als 0,1 Millimeter, mal zugunsten der Frauen, mal zugunsten der Männer.

Ähnliches gilt für den Zeitraum 1958 bis 1967, wobei die Gesamtbilanz hier ganz leicht zugunsten der Frauen ausfällt (die größte Veränderung in diesem Zeitraum beträgt -0,12 Millimeter).

Abweichungen von mindestens 0,2 Millimetern ergeben sich ausschließlich zugunsten der Männer. Von 1932 bis 1954 und von 1972 bis 1996 haben die Männer den Abstand sogar jährlich um mehr als 0,4 Millimeter vergrößert; von 1942 bis 1951 um mehr als 0,6 Millimeter und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg – von 1946 bis 1948 – sogar um mehr als 0,8 Millimeter. Seit 1972 liegt der jährliche Zugewinn ausnahmslos über 0,4 Millimeter.

Als Fazit ist festzuhalten, dass die Unterschiede enorm zugunsten der Männer zugenommen haben. Da die Differenz auch in den letzten Jahren stetig wuchs, liegt das Maximum beim Jahrgang 1996. Das heißt: Bei den heute 21-Jährigen besteht der größte Geschlechtsunterschied des gesamten Beobachtungszeitraums.

  • Vermutlich ist dies sogar der größte Unterschied zwischen deutschen Männern und Frauen seit vielen Jahrhunderten, womöglich sogar in der gesamten Geschichte der Deutschen!  (3)


Im nächsten Teil werde ich den Blickwinkel erweitern und → die Entwicklung der Körpergröße auf der ganzen Welt betrachten.

An dieser Stelle will ich den Blickwinkel in einer anderen Hinsicht erweitern: Wenn man verschiedene Tierarten vergleicht, dann ist der Geschlechtsdimorphismus ein guter Indikator für das Paarungssystem und die elterlichen Investitionen verschiedener Spezies. Dies gilt auch für den Dimorphismus bezüglich der Körpergröße. Beim Jahrgang 1896 waren die Männer um 7,16 Prozent größer als die Frauen; beim Jahrgang 1996 betrug der Unterschied 8,45 Prozent. Hierzu abschließend ein Zitat von Volker Sommer: „Der Unterschied in der Körpergröße und der äußeren Gestalt der beiden Geschlechter – der Grad des „sexuellen Dimorphismus“ – spiegelt ziemlich genau wider, ob eine Art monogam oder polygyn ist … Gegenwärtig sind Menschenmänner durchschnittlich 5 bis 12 Prozent größer und 20 Prozent schwerer als Frauen. Die Statistik weist uns damit als ein Säugetier mit „milder Polygamie“ aus.“ (4)

Hier gibt es → Daten zur Körpergröße. Teil 4: Die Entwicklung der Körpergröße weltweit 1896 bis 1996.

*

Quellen und Anmerkungen

(1) NCD Risk Factor Collaboration (2016). A century of trends in adult human height. eLife 2016;5:e13410   DOI: 10.7554/eLife.13410

(2) Häufig wird der Quotient Größe der Männer dividiert durch Größe der Frauen als Maß des Dimorphismus verwendet. Für den aktuellen Beitrag ist die Differenz wohl anschaulicher.

(3) Die Rede von deutschen Männern und Frauen in vergangenen Jahrhunderten ist recht problematisch, da es Deutschland als Nationalstaat erst seit 1871 gibt. Selbst im Beobachtungszeitraum 1896 bis 1996 hat sich das deutsche Staatsgebiet mehrfach und zum Teil dramatisch verändert. Zudem – das ist wohl noch wichtiger – hat sich die Zusammensetzung des deutschen Volkes stark verändert, insbesondere in der letzten Zeit. Auf diesen Punkt werde ich in späteren Beiträgen zurückkommen.

(4) Sommer, Volker (1989). Die Affen. Unsere wilde Verwandtschaft. Hamburg: GEO, Gruner + Jahr.

***
Stichwörter:
Körpergröße, Männer, Frauen, Deutschland, Wachstum, Biologie, Dimorphismus, Geschlechtsdimorphismus, sexueller Dimorphismus

Die Körpergröße deutscher Frauen von 1896 bis 1996

Körpergröße Frauen Deutschland 1896 - 1996

Daten zur Körpergröße

Teil 2: Die Entwicklung der Körpergröße deutscher Frauen der Geburtsjahrgänge 1896 bis 1996

Im Teil 1 habe ich anhand der Daten der NCD Risk Factor Collaboration (1)die Entwicklung der Körpergröße der deutschen Männer der Geburtsjahrgänge 1896 bis 1996 betrachtet.

Nun betrachte ich die entsprechende Entwicklung der Körpergröße deutscher Frauen. Der Verlauf der Durchschnittsgröße der Geburtsjahrgänge 1896 bis 1996 ist in Abbildung 1 dargestellt.

Körpergröße Frauen Deutschland 1896 - 1996
Abbildung 1: Durchschnittsgröße deutscher Frauen der Geburtsjahrgänge 1896 bis 1996

Ebenso wie die Männer sind auch die Frauen heute deutlich größer als vor hundert Jahren. Die Differenz zwischen dem Jahrgang 1896 (155,99 cm) und dem Jahrgang 1996 (165,86 cm) beträgt 9,87 Zentimeter. Bei den Männern betrug die Differenz 12,72 Zentimeter; die Männer sind also deutlich stärker gewachsen als die Frauen.

Während die Körpergröße der Männer über hundert Jahre hinweg von Jahr zu Jahr stieg, zeigt sich bei den Frauen ein anderes, äußerst bemerkenswertes Bild: Achtzig Jahre lang wurden die Frauen von Jahr zu Jahr größer, aber dann nahm die Durchschnittsgröße von Jahr zu Jahr ab (2). Letzteres ist ein verblüffendes Phänomen, von dem ich bislang noch nichts wusste.

Betrachtet man die jährliche Wachstumsrate (= Jahr X minus Vorjahr), dann wird das Bild noch differenzierter. Die Entwicklung der jährlichen Wachstumsrate ist in Abbildung 2 dargestellt.

Körpergröße deutscher Frauen 1896 bis 1996 - Wachstumsrate
Abbildung 2: Jährliche Wachstumsraten deutscher Frauen 1897 bis 1996

Abbildung 2 macht deutlich, was wir bereits aus Abbildung 1 ersehen konnten: Bis zum Jahrgang 1976 liegt die Wachstumsrate über der Nulllinie, das heißt: die deutschen Frauen sind von Jahr zu Jahr gewachsen – aber seitdem sind die deutschen Frauen kontinuierlich geschrumpft.

Die Wende beginnt jedoch nicht erst mit dem Jahrgang 1977. Von 1961 bis 1976 sind die Frauen zwar immer noch gewachsen, aber die Wachstumsrate ist von Jahr zu Jahr gesunken, bis schließlich der Jahrgang 1977 die Nulllinie unterschritt und die Frauen tatsächlich immer kleiner wurden.

Die Schrumpfung ist allerdings recht bescheiden. Vom Maximum des Jahrgangs 1976 (166,27 cm) bis zum Jahrgang 1996 (165,86 cm) sind es gerade mal 0,41 Zentimeter. Gleichwohl ist es äußerst bemerkenswert, dass auf eine achtzig Jahre lange Kette kontinuierlichen Wachstums eine zwanzig Jahre lange kontinuierliche Schrumpfung folgte. Dies kann auf gar keinen Fall durch einen Zufallsprozess erklärt werden.

Neben dem Schrumpfungsprozess ab Jahrgang 1977 und der bereits mit den 60er Jahrgängen einsetzenden Trendwende seien noch die beiden Weltkriegszeiten erwähnt.

Während des Ersten Weltkriegs ist die Wachstumsrate noch stark gestiegen und nach Kriegsende wurde das rasante Wachstum nur leicht gedämpft.

Von 1935 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wuchsen die Frauen weiterhin, aber die Wachstumsrate schwächte sich von Jahr zu Jahr stark ab, nur um danach bis zum Beginn der 60er Jahre ebenso stark wieder anzusteigen.

Ein Vergleich mit der entsprechenden Abbildung 2 aus Teil 1 zeigt, dass sich die beiden Weltkriege recht unterschiedlich auf die Entwicklung der Wachstumsraten von Männern und Frauen ausgewirkt haben.

Über Gründe für die bisher dargestellten Befunde will ich an dieser Stelle nicht spekulieren. Im → Teil 3 werde ich Männer und der Frauen gemeinsam betrachten und im → Teil 4 richte ich dann den Blick auf die Entwicklung der Körpergröße auf der ganzen Welt.


*

Quellen und Anmerkungen

(1) NCD Risk Factor Collaboration (2016). A century of trends in adult human height. eLife 2016;5:e13410   DOI: 10.7554/eLife.13410

(2) Die Kontinuität – achtzig Jahre ohne Ausnahme steigend, zwanzig Jahre ohne Ausnahme fallend – ist wohl zum Teil auf die Glättung zurückzuführen. Das ändert aber nichts an dem grundlegenden Phänomen.

***
Stichwörter:
Körpergröße, Akzeleration, Frauen, Deutschland, Wachstum, Biologie, Durchschnittsgröße, Größe