Von Mathematik, älteren Lehrerinnen und Migranten – Teil 9

Von Mathematik, älteren Lehrerinnen und Migranten

Teil 9: Migranten – Totalversager und Spitzenkräfte

Im → Teil 8 zur IQB-Studie 2012 haben wir die Migranten nach Herkunftsregionen differenziert. Dabei zeigten sich gigantische Unterschiede, die einem Leistungsunterschied von bis zu drei Schuljahren entsprechen. Mit Ausnahme der Schüler mit nur einem in der ehemaligen Sowjetunion geborenen Elternteil schnitten alle Herkunftsgruppen signifikant schlechter ab als Deutsche. Besonders schlecht schnitten Schüler mit Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien und der Türkei ab. Im Folgenden werden die Unterschiede zwischen den Herkunftsregionen aus einer anderen Perspektive beleuchtet.

In den IQB-Studien werden auf der Basis der kognitiven Fähigkeiten, die zur Aufgabenlösung erforderlich sind, verschiedene Kompetenzstufen und Standards definiert.

Der Regelstandard (Kompetenzstufe III) bezieht sich auf Kompetenzen, die im Durchschnitt von den Schülern bis zu einem bestimmten Bildungsabschnitt erreicht werden sollen. In der IQB-Studie 2012 ist der Bildungsabschnitt die 9. Klasse am Ende der Sekundarstufe I.

Für die folgenden Betrachtungen sind zwei andere Standards von Interesse.

Der Mindeststandard (Kompetenzstufe II) bezeichnet ein Minimum an Kompetenzen, das von allen Schülern erreicht werden soll.

Der Optimalstandard (Kompetenzstufe V) bezieht sich auf überragende Leistungen, die die Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz bei Weitem übertreffen.

Am Ende der Sekundarstufe I können Schüler einen Hauptschulabschluss oder einen Mittleren Schulabschluss anstreben. Für die beiden Schulabschlüsse sind jeweils unterschiedliche Leistungen für eine bestimmte Kompetenzstufe zu erbringen.

Im Folgenden betrachten wir die beiden Extreme, nämlich den Mindeststandard für den Hauptschulabschluss und dem Optimalstandard für den Mittleren Schulabschluss.

Der Mindeststandard bezeichnet das unterste gerade noch akzeptable Minimum. Schüler, die selbst die Minimalanforderungen eines Hauptschulabschlusses verfehlen, werden im Folgenden als Totalversager bezeichnet. Die Untergrenze des gerade noch Akzeptablen liegt für Hauptschüler bei 355 Punkten.

Am anderen Extrem liegen die Schüler, die den Optimalstandard für den Mittleren Schulabschluss erreichen; diese werden im Folgenden als Spitzenkräfte bezeichnet. Um zu den Spitzenkräften zu zählen, muss ein Schüler mindestens 675 Punkte erzielen.

Auf der Grundlage der Mittelwerte und Standardabweichungen und der Annahme, dass innerhalb der jeweiligen Gruppe die Werte normalverteilt sind, habe ich für die verschiedenen Herkunftsgruppen den prozentualen Anteil der Totalversager und der Spitzenkräfte errechnet (2). Die Werte sind in Tabelle 9.1 dargestellt. Die Zahl hinter der Herkunftsgruppe bezeichnet – wie im Teil 8 – die Zahl der Elternteile, die im Ausland geboren wurden.


M

SD
Total-
versager
Spitzen-
kräfte
Ex-Sowjetunion 1 529 92 2,9 5,6
Deutsche 521 97 4,4 5,6
Polen 2 496 95 6,9 3,0
Ex-Sowjetunion 2 481 85 6,9 1,1
Polen 1 480 94 9,2 1,9
Ex-Jugoslawien 1 449 90 14,9 0,6
Ex-Jugoslawien 2 454 100 16,1 1,4
Türkei 1 441 87 16,1 0,4
Türkei 2 435 86 17,6 0,3
Tabelle 9.1: IQB 2012 Mathematik. Totalversager und Spitzenkräfte nach Herkunftsregion.
Ziffer hinter Herkunftsregion: Anzahl der im Ausland geborenen Eltern
M: Mittelwert
SD: Standardabweichung.


Schüler mit einem in der ehemaligen Sowjetunion geborenen Elternteil und deutsche Schüler schneiden mit Abstand am besten ab. Unter den Russischstämmigen stehen 2,9 Prozent Totalversagern fast doppelt so viele Spitzenkräfte gegenüber, nämlich 5,6 Prozent. Bei den Deutschen sind es 4,4 Prozent Totalversager und ebenfalls 5,6 Prozent Spitzenkräfte (3).

Polen 2 und Ex-Sowjetunion 2 haben mit 6,9 Prozent den gleichen Anteil an Totalversagern. Mit 3,0 vs. 1,1 Prozent Spitzenkräften schneiden die polnischstämmigen Schüler jedoch etwas besser ab. Für beide Gruppen ist die Gesamtbilanz negativ.

Noch ungünstiger scheidet Polen 1 ab: 9,2 Totalversagern stehen nur 1,9 Prozent Spitzenkräfte gegenüber.

Katastrophal ist das Bild für Ex-Jugoslawien und die Türkei. Der Anteil der Totalversager reicht von 14,9 bis 17,6 Prozent; der Anteil der Spitzenkräfte beträgt gerade mal 0,3 bis 1,4 Prozent.

Für die deutschen Schulen, die deutsche Wirtschaft und die deutsche Gesellschaft stellen die Schüler mit Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien und der Türkei eine massive Belastung dar. Eine extreme Belastung ergibt sich durch die Türkischstämmigen, unter denen der Anteil von Spitzenkräften verschwindend klein ist.

Das erschreckende Bild wird in der nächsten Folge vertieft → Teil 10.

*

Quellen und Anmerkungen

(1) Hans Anand Pant, Petra Stanat, Ulrich Schroeders, Alexander Roppelt, Thilo Siegle, Claudia Pöhlmann (Hrsg.): IQB-Ländervergleich 2012 Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen am Ende der Sekundarstufe I. Münster: Waxmann Verlag GmbH, 2013.
Im Internet erhältlich unter https://www.iqb.hu-berlin.de/bt/lv2012/Bericht

(2) Hierbei handelt es sich um Schätzungen auf der Basis eines theoretischen Modells. Da die Berechnungen jeweils innerhalb homogener Gruppen erfolgen, dürfte die Normalverteilungsannahme einigermaßen realistisch sein. Die Gruppen „Anderes Land“ und „Nicht zuzuordnen“ wurden nicht berücksichtigt, da diese extrem heterogen sind und die Punktwerte vermutlich deutlich von einer Normalverteilung abweichen. Wir kommen jedoch in der nächsten Folge auf sie zurück.

(3) Dass Ex-Sowjetunion 1 mit 529 Punkte besser abschneidet als Deutschland mit 521 Punkten und dennoch beide den gleichen Prozentsatz an Spitzenkräften haben, ergibt sich durch die unterschiedlichen Standardabweichungen. Das gleiche Phänomen zeigt sich bei den Paarungen Polen 2 / Ex-Sowjetunion 2 und Ex-Jugoslawien 2 / Türkei 1. Diese Beispiele machen deutlich, wie wichtig es ist, nicht nur Mittelwerte, sondern auch die Streuungen zu betrachten.

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Stichwörter:
Bildung, Mathematik, IQB, Bildungsstudie, Bundesland, Schulleistungen, 2012, Migranten, Migrationshintergrund, Türkei, Sowjetunion, Polen, Jugoslawien, Intelligenz

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