Auf nach Estland! – Teil 8

Auf nach Estland!

Teil 8: Zwischenbilanz (Fortsetzung)

In den Folgen 3 bis 6 haben wir auf der Grundlage von PISA 2015 (1) Die Auswirkungen der Migranten auf das Leistungsniveau in Deutschland, Estland und Finnland untersucht.

In allen drei Ländern schneiden die Migranten (sehr) viel schlechter ab als die Einheimischen. Dabei fallen die Unterschiede zwischen Einheimischen und Migranten je nach Land sehr unterschiedlich aus.

In Estland beträgt die Differenz in der Lesekompetenz 29, in Mathematik 26 und in den Naturwissenschaften 32 Punkte. Diese Differenzen entsprechen etwa dem Zugewinn in einem Schuljahr am Ende der Sekundarstufe I. Trotz dieser Differenzen liegen die Migranten in Estland in allen Bereichen über dem Durchschnitt der 35 OECD-Länder (bezogen auf die jeweilige Gesamtbevölkerung). Estland hat also durchaus leistungsfähige Migranten; sie liegen nur deshalb weit zurück, weil die einheimischen Esten Spitzenleistungen erbringen.

In Deutschland ist der Rückstand der Migranten wesentlich größer, nämlich 58 Punkte in der Lesekompetenz, 54 Punkte in Mathematik und 72 Punkte in den Naturwissenschaften. Das entspricht etwa einem Rückstand von zwei bis zweieinhalb Jahren.

Die schlechtesten Migranten hat Finnland. Der Abstand zu den einheimischen Finnen beträgt in Mathematik 63, in der Lesekompetenz und den Naturwissenschaften jeweils 83 Punkte. Das entspricht einem Rückstand von zwei bis drei Schuljahren.

In den Gesamtstichproben hatte Estland in allen drei Bereichen einen statistisch signifikanten Vorsprung vor Deutschland; Finnland schnitt in der Lesekompetenz und in den Naturwissenschaften signifikant besser ab als Deutschland und hatte auch im Mathematik einen Vorsprung von 5 Punkten, der jedoch statistisch nicht signifikant ist. Rechnet man die Minderleistungen der Migranten heraus und betrachtet nur noch die Einheimischen, so zeigen sich erhebliche Verschiebungen.

In der Gesamtstichprobe lag Estland in der Lesekompetenz 10 Punkte vor Deutschland; die einheimischen Deutschen sind jedoch um 3 Punkte besser als die einheimischen Esten. Die Relation hat sich also umgekehrt. In Mathematik ist der Vorsprung Estlands von 14 auf 4 Punkte geschmolzen. Und in den Naturwissenschaften hat sich Estlands Vorsprung von 25 auf 12 Punkte mehr als halbiert. Die Differenzen von +3 bzw. -4 Punkten liegen im Bereich der zufälligen Schwankungen. Lediglich in den Naturwissenschaften hat Estland noch einen (deutlich geschrumpften) Vorsprung.

Der Rückstand Deutschlands gegenüber Finnland hat sich in der Lesekompetenz von 15 auf 5 Punkte verringert. In Mathematik ist aus einem 5-Punkte-Rückstand ein 5-Punkte-Vorsprung geworden. Auch hier hat sich also die Rangfolge umgekehrt. In den Naturwissenschaften ist Finnlands Vorsprung von 22 auf 8 Punkte gesunken. Die 5-Punkte-Differenzen sind statistisch bedeutungslos; die 8-Punkte-Differenz liegt gerade so an der Signifikanzgrenze.

Das zentrale Ergebnis lautet:

  • Betrachtet man nur die Einheimischen, dann gibt es praktisch keine Unterschiede zwischen Deutschen, Esten und Finnen.

Erwähnenswert bleibt lediglich die 12-Punkte-Differenz zwischen Deutschen und Esten in Naturwissenschaften. Ironischerweise passt ausgerechnet dieses Ergebnis am allerwenigsten zu der These von Julia Köppe, die den Leistungsvorsprung der Esten auf die umfassende Digitalisierung der estnischen Schulen zurückführen will (2). Wie im → Teil 2 gezeigt, ist die Leistung in den Naturwissenschaften in Estland von 2012 bis 2015 von 541 auf 534 Punkte gesunken. Das spricht nicht gerade für die segensreichen Wirkungen der Digitalisierung! Und dass im gleichen Zeitraum die Leistung in Deutschland noch stärker zurückging (von 524 auf 509), ist schwerlich auf die Superdigitalisierung Estlands zurückzuführen. (Kleiner Geheimnisverrat: In Kürze werde wir sehen, dass sogar der 12-Punkte-Vorsprung in Luft dahinschmilzt.)

Was bereits bei der Betrachtung der Gesamtstichproben klar war, ist durch die Berücksichtigung der Migranten noch deutlicher geworden: Der SPIEGEL-ONLINE-Artikel von Julia Köppe ist pures Wunschdenken und Fake News.

Hier gibt es die Fortsetzung → Teil 9.


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Quellen und Anmerkungen

(1) OECD (2016), PISA 2015 Ergebnisse (Band I). Exzellenz und Chancengerechtigkeit in der Bildung. W. Bertelsmann Verlag, Germany. DOI 10.3278/6004573w
PISA 2015. Zusatzmaterialien im Internet. Anhang zu Kapitel 7. http://dx.doi.org/10.1787/888933433226

(2) Julia Köppe: Digitales Klassenzimmer. Warum Estlands Schüler den deutschen weit voraus sind. SPIEGEL ONLINE, 08. November 2017.

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Stichwörter:
Bildung, PISA, Estland, Finnland, Deutschland, Mathematik, Lesekompetenz, Naturwissenschaften, Migranten, Migrationshintergrund, SPIEGEL ONLINE, Fake News

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